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Konzertstimmung
2008-09-16 13:52

Konzertstimmung

Vorwort

Dieses komplexe Thema ist nicht in wenigen Zeilen abzuhandeln; wer in die Geheimnisse dieser Welt eintauchen möchte, deren Grenzen völlig unentdeckt sind, kann mit dem folgenden Aufsatz anfangen.

Die Frage des Stimmens plagt seit Urzeiten große Denker wie Platon, Pytagoras, Bach oder Adorno. Dieser kleine Essay will nur einige wenig bekannte technische und künstlerische Aspekte aufzeigen, die bei der Konzertstimmung mitwirken.

 

Konzertstimmung – eine Kunst für sich

Für den Klavierbauer ist die Konzertstimmung eine der schwierigsten, aber gleichzeitig eine der dankbarsten Aufgaben. Die Konzertstimmung verlangt Hingabe: Der Klavierbauer gibt sein ganzes Wissen und sein ganzes Gefühl für diesen kurzen Moment, in dem das Ergebnis hörbar ist.
Auch dank seiner Präzisionsarbeit bei der Vorbereitung kann der Pianist beim Konzert das Beste aus dem Flügel holen, und die Zuhörer können die volle Pracht der Darbietung genießen – oder müssen das volle Leid über sich ergehen lassen.

Für die Konzertstimmung sind einige Besonderheiten zu beachten. Zunächst muss das Instrument in perfektem Zustand sein. Nur wenn die Mechanik optimal funktioniert, kann auch die Regulierung an die Grenzen gehen, um dem Pianisten beste technische und klanglichen Bedingungen zu bieten.
Bei normalen Arbeiten sorgt der Klavierbauer immer dafür, dass er dieser Grenze nicht zu nahe kommt, denn wenn sie überschritten wird, funktioniert die Mechanik nicht mehr richtig. Die Regulierung bis an die Grenze und darüber hinaus kann jedoch versteckte Qualitäten des Instruments und des individuellen Spiels ans Licht bringen und ganz neue Klangwelten eröffnen.

Das Klavier ist ein komplexes Zusammenspiel vieler Teile, die in Bewegung sind, besonders wenn die fähigen Hände des Pianisten am Werk sind: die kontrollierte Berührung, die wohldosierte Reaktion und Aktion der Mechanik – von der Bewegung der Taste bis zum Anschlag an der Saite – überdauert idealerweise das gesamte Konzert. Mitunter sind kleine Korrekturen der Stimmung oder der Regulierung in der Pause nötig.

Natürlich sprechen wir hier von Feinheiten, die nur für sehr wenige Pianisten einen Unterschied machen. Doch genau die besten unter ihnen wissen diese Nuancen zu schätzen, sie bemerken die minimale Veränderung, wenn ein Teil der Mechanik sich geringfügig verändert. Das bedeutet auch, dass der Klavierbauer sich nicht nur für das Instrument Zeit nehmen muss, er sollte die Spielweise des Pianisten kennen. Sobald der Fachmann das Instument begutachtet hat, wird genau besprochen, wie die Vorstellungen des Musikers aussehen.

Nicht alle großen Pianisten kannten und kennen die Funktionsweise des Instruments wirklich. Musiker wie Arturo Benedetti Michelangeli und Glenn Gould waren Ausnahmen:
Sie beherrschten auch die kleinste Bewegung der Mechanik und entlockten ihr so die gewünschte Note. So kamen sie ihrer persönlichen, einzigartigen Idee des Klangs besonders nah.
Das Prinzip ist einfach: Das Ziel, das über allem steht, also der richtige Klang und die Musik, kann nur mit einem umfassenden und genauen Wissen über den Weg, also das Instrument, erreicht werden.
Nur so kann der Pianist das Instrument wirklich beherrschen und sich dem beschrittenen Weg gänzlich hingeben. Auf dieser Reise von der Idee über den Pianisten zum Instrument und letztlich zum Klang kommen sich der Körper des Pianisten und der Körper des Klaviers immer näher, bis sie zu einem Ganzen verschmelzen. So kann der Klang der ursprünglichen Idee davon immer näher kommen. Gleichzeitig bedeutet das, dass es die Aufgabe des Klavierbauers ist, dem Klang eine Gestalt zu verleihen, eine Brücke zu erschaffen zwischen der sperrigen Körperlichkeit des Instruments und dem flüchtigen Wesen des Klangs. Die Arbeit, die vor der Schlussstimmung auf der Bühne passiert, ist ein einzigartiger Prozess, in dem der Klavierbauer unermüdlich daran arbeitet, den Klang zu optimieren. Er steht dabei unter großer Anspannung und versucht, immer noch etwas zu verbessern, bis hin zur Vollkommenheit, die doch unerreichbar bleibt.

Unser Los ist, dass wir diese Perfektion niemals erlangen werden.
Aber unser Glück liegt schon darin zu wissen, dass wir das Instrument bei jeder Stimmung ein wenig besser machen.

Der erste Schritt ist eine genaue Untersuchung des Konzertflügels. Durch die genaue Einschätzung der benötigten Zeit für die Vorbereitung können Überraschungen vermieden werden, die zu Zeitdruck führen können.
Temperatur und Luftfeuchtigkeit spielen eine wichtige Rolle, sie werden daher durchgehend kontrolliert, um eine stabile Stimmung zu garantieren.
Die Ausrichtung des Flügels im Konzertsaal hat Einfluss auf die Ausbreitung des Klangs, weshalb grundsätzlich zunächst die richtige Positionierung auf der Bühne festgelegt wird.
Wenn die Mechanik des Flügels in gutem Zustand und die Saitenspannung stabil ist, kann mit der Stimmung begonnen werden.

Über die Harmonie: Eine gute Stimmung inspiriert

Wenn sich die Saiten des Flügels im Einklang befinden, stellt sich ein Zauber ein, der mit jeder Note die Vollkommenheit des Ganzen vermittelt. Der frisch gestimmte Flügel ist wie ein gespannter Bogen, bereit, den Pfeil zu schießen: ein Körper voller Energie und Leben, dessen Spannung sich in jeder einzelnen Note entlädt und fortsetzt.
Sie greifen ineinander und schaffen eine eigene Welt des Klangs und der Harmonien, und verdichten sich zu einem satten, kompakten Kern, der die Schwingungen physisch erfahrbar macht.
Die Stimmung erfolgt ausschließlich nach Gehör, ohne elektronische Geräte – denn wenn sie für den Menschen gemacht ist, muss der Mensch sie gestalten.
Es ist wissenschaftlich bewiesen, dass die Stimmung nach Gehör der Arbeit mit elektronischen Hilfsmitteln überlegen ist. Schon die Physik besagt, dass die mathematische Frequenz eines Tons nicht mit der subjektiv empfundenen Höhe übereinstimmt. Auch im Zusammenklang zwischen den Obertönen und den Grundtönen gibt es Ungleichheiten (die sogenannte Spreizung), bis hin zum Problem der Inharmonizität.

Bei der ersten Untersuchung wird die aktuelle Stimmung überprüft, dabei werden die Intervalle, ihre Progression und Konstanz, also Symmetrie und Harmonie, untersucht. Außerdem wird das Harmonie-Potenzial in den verschiedenen Varianten und Intervallen bewertet. Eine gute Kombination der Obertöne macht den Klang (das Timbre) interessanter und sorgt allgemein für einen kräftigeren und lauteren Ton.

Ein Instrument stimmen bedeutet nicht, wie oft angenommen wird, zu erreichen, dass alle Noten “schön zusammenklingen“ – sondern genau das Gegenteil: die beste Spannung zwischen ihnen zu erzeugen. Es ist also nicht damit getan, die mathematisch richtige Geschwindigkeit der Schwebungen (so nennt man das An- und Abschwellen der Lautstärke von zwei Tönen, die nahe beieinander liegen) der Intervalle nach einer Tabelle vorgeschriebener Werte zu messen. Vielmehr muss kontinuierlich gehört werden, wie das Instrument auf die verschiedenen Saitenspannungen reagiert; dabei müssen die Klangeigenschaften des Instruments berücksichtigt werden, um so für jedes einzelne ein „Klanggewand nach Maß“ zu fertigen.

Die Beschreibung einer wirklich guten Stimmung ist eigentlich ein eigenes Kapitel. Ein wichtiger Faktor hierbei ist aber ohne Zweifel die Zeit.
Im Durchschnitt dauert eine Stimmung von der Vorbereitung des Instruments bis zur Spannung der letzten Saite etwa eineinhalb Stunden. Eine Funktionsüberprüfung der Mechanik und der Pedale ist hierbei unerlässlich, um nach der Stimmung unangenehme Überraschungen zu vermeiden. Die Endkontrolle der Stimmung sieht unter anderem vor, dass das Instrument komplett gespielt wird, und zwar in verschiedenen Spielarten, von pianissimo bis fortissimo. Hier zeigt sich, ob eventuelle Korrekturen der Stimmung oder der Regulierung notwendig sind. Schließlich gehört es zum guten Ton, das Instrument grundsätzlich sauber zu übergeben, ohne Fingerabdrücke auf dem Lack oder der Tastatur. Wenn für diese letzten Handgriffe noch einmal insgesamt eine halbe Stunde kalkuliert wird, kommt man auf zwei Stunden. In kürzerer Zeit kann ein seriöser Konzerstimmer die Qualität nicht garantieren, die ein Konzert verlangt.

Etwas anders sieht es aus, wenn ein Instrument oft und immer von demselben Fachmann gepflegt wird. Nach dem ersten Kennenlernen weiß er um die Werte und Unzulänglichkeiten des Flügels und kann so sehr viel direkter mit der Arbeit beginnen. Das spart kostbare Zeit. Auch das Bereitstellen eines Staubsaugers, einer Flasche Wasser und ein nacktes Instrument – ohne Abdeckung, Partituren und Familienfotos! – machen die Pflege des Instruments effizienter.

Wird gewünscht, dass der Stimmer zum Konzert anwesend ist, so kann man ihn währenddessen sehr leicht ausmachen: Mit strengem Blick harrt er des Konzerts angespannt wie einer, der das Schlimmste erwartet, um dann beim Schlussapplaus, da die Gefahr gebannt ist, gelöst aufzuatmen.

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